
Wer in Bochum über Leichtathletik spricht, kommt an einem Namen nicht vorbei: Dr. Gerd Weißpfennig. Am Mittwoch (14. Oktober) feiert der Ehrenvorsitzende des Universitätssportclubs und das Gründungsmitglied des USC Bochum seinen 90. Geburtstag. Als der langjährige Trainer, Sportfunktionär, Buchautor und Dozent der Fakultät für Sportwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum (RUB) nach den Plänen für seinen Ehrentag gefragt wird, mischt sich schmunzelnd seine Frau Gudrun ein, mit der er seit fast 52 Jahren verheiratet ist: „Gerd hat ja zunächst verkündet: ‚Ich feiere nicht!‘“, verrät sie. „Aber dann hat er mich neulich schon vor dem Frühstück gefragt: ‚Wie wird das denn nun an meinem Geburtstag?‘ Fünfmal hat er mich das gefragt. Ich hatte natürlich schon etwas geplant, klar. Aber das musste dann ja richtig durchorganisiert werden.“
So ganz ignorieren mochte das stets bescheiden und eher leise auftretende USC-Urgestein seinen 90. Geburtstag dann doch nicht, auch wenn dieser genau in die Wochenmitte fällt. „Die meisten sind ja berufstätig“, sagt Weißpfennig. So einigte man sich auf einen Tag der offenen Tür in ihrem Haus in Querenburg für die mutmaßlich vielen Gäste und Gratulanten. „Wer will, soll kommen. Und wir feiern dann mit engen Freunden und der Familie am Wochenende darauf.“ Ohnehin, gibt er fast verwundert zu, „hätte ich ja nie gedacht, dass ich überhaupt so alt werde“.
Weißpfennig wurde 1936 in Kahlstädt (Provinz Posen) geboren, kam aber schon als Kind ins Ruhrgebiet und baute sein Abitur 1956 an der Graf-Engelbert-Schule. Nach dem Studium der Fächer Anglistik, Sport und Geschichte in Münster und Marburg unterrichtete er bis 1971 am Lessing-Gymnasium in Bochum. Dann ließ sich der Akademische Oberrat abordnen zur Ruhr-Uni und lehrte bis 1999 an der Fakultät für Sportwissenschaft die Fächer Sportgeschichte und Leichtathletik, war auch Leiter des Diplom-Prüfungsamts. An der RUB hatte zuvor der in Wattenscheid geborene Sporthistoriker Prof. Dr. Horst Ueberhorst das Institut für Leibesübungen, wie es damals noch hieß, gegründet. Weißpfennig war zu der Zeit Leichtathletik-Abteilungsleiter beim TuS Querenburg, später beim USC Bochum. Er erinnert sich noch gut an die Anfänge: „Die Uni brauchte damals Räumlichkeiten für das Sportinstitut und da haben sie zum Teil mit uns beim TuS Querenburg kooperiert. So hat sich das alles ergeben.“
Die Ausbildung der Sportstudentinnen und Studenten und das Training habe zunächst auf dem alten Aschenplatz in Querenburg stattgefunden. „Wenn ich daran denke – das waren ganz primitive Verhältnisse. Aber unter den Bedingungen sind unsere Jugendlichen deutsche Mannschaftsmeister im Zehnkampf geworden. Wir haben da schon Spitzenathleten geformt mit ganz einfachen Möglichkeiten.“ Weißpfennigs größte Leidenschaft galt stets dem Stabhochsprung. So habe man seinerzeit durch Beziehungen zu einem Großhandelsgeschäft dafür gesorgt, dass man eine „Hartgummilaufbahn“ bekam. „Da musste man nicht mehr auf Asche anlaufen. Wir haben uns dann noch große Säcke beschafft, die wir mit Stoffresten gefüllt haben. Damit haben wir einen kleinen Hügel gebaut, eine große Plane darübergelegt und hatten eine weiche Landefläche.“ Fertig war die Stabhochsprung-Anlage. Da war an den modernen Uni-Leichtathletikplatz an der Markstraße noch nicht zu denken.
Hunderte von Athletinnen und Athleten, die mehr als 100 Westfalen- und deutsche Meistertitel sammelten, bildete der „Mann mit dem Hut“ erfolgreich aus. Der 1969 gegründete USC ist quasi sein Lebenswerk. Auch als Sportfunktionär bekam der Großvater dreier Enkel (14, 16, 18), die zu seinem Bedauern keinen Leichtathletikbezug haben, sondern Handball und Basketball spielen, zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Goldene Verdienstnadel des Westdeutschen Leichtathletik-Verbands und die Goldene Ehrennadel des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). „Gerds Verdienste um die Leichtathletik in dieser Region sind unschätzbar. Ohne ihn wäre auch der USC Bochum in der heutigen Form nicht vorstellbar“, betont der 1. Vorsitzende des Vereins, Christian Osenberg.
Zwar hapert es bei längeren Strecken ein wenig mit dem Laufen, doch geistig ist der Jubilar fit wie der sprichwörtliche Turnschuh. Bis heute schreibt er für die Club-Homepage über die USC-Athletinnen und ‑Athleten und liefert auch Artikel für diese Zeitung. Zudem produzierte er die Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der USC-Leichtathletikabteilung. „Das Schreiben hält mich ein wenig fit. Aber ich reiße mich nicht darum.“ Doch bisher fand sich noch kein geeigneter Nachfolger.
Schließlich lüftet der Jubilar noch das Geheimnis um sein Markenzeichen, den Hut, ohne den er in der Öffentlichkeit selten zu sehen ist. Die Kopfbedeckung ist keine modische Marotte, sondern hat eher einen ernsten Hintergrund. Der Hut kam in Folge einer „ziemlich schwierigen“ Kieferhöhlen-Operation ins Spiel. Weil er danach oft Kopfschmerzen bekam, „insbesondere wenn es zugig oder feuchtkalt war“, habe er einen Hut aufgesetzt. „Es war also keine Schau, es hat sich so ergeben.“